Verrückte Autobahn… oder wie ich Stuttgart hassen lernte…

Wie im letzten Blogeintrag bereits erwähnt, wohne ich mittlerweile in der Großstadt. Stuttgart um genau zu sein. Platz 6 der grössten Städte Deutschlands. Und bei der Anzahl der Staus nimmt Stuttgart noch eine viel höhere Position ein. Nach einer Datenerhebung des Jahres 2015 standen die Stuttgarter Autofahrer im Durchschnitt 73 Stunden lang im Stau (http://www.sueddeutsche.de/auto/inrix-traffic-scorecard-in-stuttgart-stehen-autofahrer-am-laengsten-im-stau-1.2908671). 73 Stunden. Mehr als 3 Tage. Und das ohne Toilettenpause.

Ich hatte einmal zu Beginn meiner Zeit in Stuttgart ausprobiert, wie es denn so ist, wenn man Freitags nachmittags nach der Arbeit nach Hause fahren will. Einmal hat gereicht. Denn ich war bei einer Strecke von ca. 250km nach ca. 5 Stunden in der Heimat. Normalerweise brauch ich ungefähr die Hälfte der Zeit bei normalen Verhältnissen. Aber Stuttgart ist leider etwas anders. Eine Stunde Stau in Stuttgart, eine Stunde Stau in Pforzheim und eine Stunde Stau in Karlsruhe am Freitag abend. Toll. Seit diesem Erlebnis fahre ich wieder immer häufiger und gerne mit dem Zug… und erlebe dann bei der Bahn andere Abenteuer, aber bin wesentlich ausgeruhter, wenn ich ankomme.

In Stuttgart selbst leben ca. 610000 Einwohner mit knapp 390000 sozialversicherungspflichtigen Jobs (http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.statistik-immer-mehr-berufspendler-in-der-region.130b421e-0c79-4040-96f8-2020560bf082.html). Darüberhinaus wird die Zahl der Pendler, die ausserhalb Stuttgarts in die Stadt pendeln mit ca. 235000 geschätzt. An einem Stichtag wurden sogar einmal bis zu über 800000 Fahrzeuge gezählt. Und die Autos, die da rumfahren sind zumeist… keine kleinen Autos. Wenn ich übers Wochenende in die Heimat fahre, sehe ich überall kleine, alte Autos. Ford Kas, Opels jeder Art, Peugeots aller Art. Normale Kleinwagen halt. Dies wurde vor kurzem auch festgestellt vom Verbraucherportal Verivox, die interessanterweise in dem Kontext davon berichtet hat, dass die Saarländer die sparsamsten Neuwagenkäufer Deutschlands sind. (https://www.verivox.de/presse/verbraucheratlas-bayern-fahren-die-teuersten-autos-bremer-die-aeltesten-118240/)

Wenn ich durch Stuttgart fahre mit meinem Golf VII, fühl ich mich in meinem Auto vergleichsweise arm und klein. S-Klasse Mercedesse, A8er Audis, Porsche Cayennes. SUVs und sonstige dicken Brummer. Alles dicke Schlucker. Die meisten davon Diesel-basierend. Und das, wenn man in der Innenstadt meist nur schwierig von Punkt A nach B kommt (vgl. Stau) und die Anzahl der Parkplätze spärlich gesät sind und meist auch nur für „normale“ Autos geplant waren, als die Parkplätze ausgezeichnet wurden. Wenn ich zum Beispiel jetzt neuerdings einen Z-Klasse Mercedes herumfahren sehe in Stuttgart (das sind diese neuen Pickups basierend auf dem Nissan Navara), frage ich mich, wo die in ner normalen Tiefgarage parken können. Auf 2 Parkplätzen oder auf nem Behindertenparkplatz. Anhand der Tatsache, dass man mit solch einem Panzer in die Innenstadt einer Großstadt hineinfahren will, könnte letzteres vielleicht sogar Polizisten davon überzeugen, dem Fahrer eines solchen Fahrzeuges keinen Strafzettel wegen Falschparkens zu hinterlegen, denn es ist offensichtlich, dass der Fahrer behindert sein muss.

Stuttgart hat aber noch viele andere Probleme, die alle miteinander zusammenhängen und alle darauf hinauslaufen, dass die Stadt dem Untergang geweiht ist. Die hohen Gehälter, die gezahlt werden. Die hohen Mieten, die gezahlt werden müssen. Die dicken Autos, die zumeist alle Diesel basiert fahren. Die vielen Pendler, die herum fahren. Viele Leute, die sich mit dicken Gehältern ein kleines Haus gekauft haben ausserhalb der Stuttgarter Innenstadt, weil die Preise dort zu hoch sind. Die Kessellage. Und eine hoffnungslos verplante Verkehrssituation mit einer Mega-Baustelle in der Mitte. Stuttgart 21 kann durchaus ein Startschuss sein, um die Verkehrslage zu beruhigen. Problematisch ist in Stuttgart folgendes: Es gibt keinen Ring, der die ganzen Autofahrer um die Stadt herum leiten könnte. Nein, im Prinzip wird der gesamte Verkehr, egal wo man hinfahren möchte, direkt in die Innenstadt geleitet. Und dort verstopft sich dann natürlich alles. Selbst ausserhalb der Stadt ist die Autobahn vollkommen verplant worden, da auf einem Teilabschnitt die A8 und die A81 auf der gleichen Trasse fahren. Und diese Teilstrecke ist zumeist auch immer voll. 

Zumal die Autofahrer, die dort unterwegs sind, stellenweise total durchgeknallt sind. Wie schon gesagt, fahren die Stuttgarter Autofahrer meist eher grosse, dicke, schnelle Autos… und das total rücksichtslos. Ein Beispiel: Ich bin da mal so schön auf der A8 gefahren, als die Autobahn plötzlich in einer Richtung vierspurig wird und die A81-Strecke von rechts angeklebt wird. Darüberhinaus ist da gerade ne Baustelle und dementsprechend Tempo 60. Ich bin also auf Spur 2 von 4 und fahre Tempo 60, während ich merke, dass die Autos hinter mir alle aufschließen. Also wechsel ich langsam die Spur nach rechts. Das hat schon mal gut geklappt, also können mich alle Autos, denen ich zu langsam fahre, überholen. Da wir ja bekanntlich ein Rechtsfahrgebot auf der Autobahn haben, wollte ich noch einmal die Spur wechseln, um niemandem im Weg zu sein. Und in dem Moment braust da so ein Porsche Cayenne rechts an mir mit Tempo 120 vorbei. Weil er halt offensichtlich in einem Panzer fährt und wichtig ist. Was zur Hölle ist nur los mit den Autofahrern von heute?

Wie klein muss der Penis eigentlich sein, dass man unbedingt in einer Großstadt mit nem Range Rover herumfahren muss? Zumal in der Innenstadt von Stuttgart auf den meisten Strassen nur maximal Tempo 80 gefahren werden darf (und an jeder zweiten Ecke ein Geschwindigkeitsblitzer steht). Also beschleunigen die Leute meist, was das Zeug hält, um dann 100 Meter vor dem Blitzer massivst auf die Bremse zu steigen und dann sofort wieder Gas zu geben. Ja super. Ihr seid meine persönlichen Helden. Wieso kauft ihr euch unbedingt so einen Panzer, wenn ihr die Dinger sowieso nicht ausfahren könnt? Vor allem, wenn man mit so einem Auto eigentlich nur mal schnell zum Aldi fahren will. Argh. Schizophren. Lustigerweise sitzen in solchen Autos… natürlich… Frauen im etwas höheren Alter. Omis. Damit sie besser von oben die Straße sehen können. Und mich besser überfahren können. Hilfe!

Schlimmer ist aber das gesamte Problem, wenn man noch das Thema Diesel und Feinstaub dazu nimmt. Aktuell ist in der Tagespolitik immer wieder das Gespräch von einem abzusehenden Datum,  ab wann es keine Neuzulassung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren gibt. In Großbritannien und China soll es 2040 soweit sein, in Frankreich, Niederlande und Indien 2030. Norwegen sogar schon 2025. Volvo will ab 2019 keine reinen Verbrennungsmotoren mehr verkaufen. Tesla stellt immer neue, billigere Versionen ihrer Elektrowagen vor, deren Reichweite und Leistung immer stärker gesteigert werden. Und in Deutschland sind die meisten Automobilhersteller seit Jahren in einer quasi-Schockstarre versunken. Zu Beginn des Millenniums brachte Toyota seine Hybrid-Technologie mit dem Prius weltweit für den Massenmarkt heraus. Bei den deutschen Automobilbauern wurde dann die Frage gestellt, ob man denn auch eine Ökologischere Technologie entwickeln könnte. Die meisten Hersteller in Deutschland sind dann nach langem Überlegen auf die Idee gekommen, dass man etwas eigenes entwickeln müsste. Irgendeiner hatte dann wohl die glorreiche Idee gehabt, den Diesel zu vergrünen.

Mit Hilfe von Harnstoffen sollte es möglich sein, den dreckigen Diesel sauberer zu machen. Eigentlich eine geniale Idee. Wenn man mit seinem Pendlerauto stundenlang auf der Autobahn fährt, und man plötzlich aufs Klo muss, dann fährt man einfach rechts ran, pinkelt in den AdBlue-Tank und schon gehts weiter, ohne dass ein Polizist einem einen Strafzettel wegen Wildpinkelns schreiben muss. Geil! Allerdings war die Sache dann doch nicht so einfach gewesen, weil der menschliche Harnstoff zu gering konzentriert ist für den AdBlue-Zusatz. Und, es muss ja auch irgendwo ein Tank verbaut werden im Auto, den man befüllen muss mit diesem Zusatz. Da die Automobilhersteller meistens an ihren Automobilen so viel sparen wollen wie nur irgendwie möglich, wurden die Tanks relativ klein gewählt. So klein, dass es durchaus Probleme mit den Zulassungsbestimmungen in den USA gegeben hat, wo man es dem Fahrer nicht zumuten wollte, den übel-riechenden Zusatz selbst nachfüllen zu müssen. Bis man dann auf die glorreiche Idee kommen wollte, die Ausstoßzahlen mit einer Schimmel-Software zu manipulieren. Eine Zusatzfunktion irgendeiner ECU im Fahrzeug sollte feststellen können, ob ein Fahrzeug ausserhalb einer Testumgebung fährt oder nicht und regelt dann den Verbrauch entsprechend auf Minimaleinstellung. Eine perfide Strategie.

Die hat dann auch 1-2 Auto-Generationen funktioniert, bis das Kartenhaus im Jahre 2015 zusammengebrochen ist. Der saubere Diesel war doch nicht so sauber wie behauptet. Viele OEMs standen nun unter Generalverdacht und es verging nicht ein Tag, wo es keine neuen Enthüllungen aus den Volkswagen-, Audi oder Mercedes-Zentralen gegeben hat. Als Konsequenz dieser Enthüllungen sind die ganzen Bestrebungen, dass man bestimmte Klimaziele erfüllen möchte, von heute auf morgen massivst torpediert worden. Millionen von Fahrzeugen müssen umgerüstet werden, Fahrverbote werden angedacht, es werden sogar Stimmen laut, Dieselmotoren komplett zu verbieten.
Und in Stuttgart selbst, der Stadt mit den Hunderttausenden an Pendlern, der Kessel-Lage, der dicken Gehälter und dicken Autos, und dem ewigen Verkehrschaos, wird die Luft immer dicker. Nicht nur, weil Stuttgart mit Porsche, Mercedes und Bosch Herz der deutschen Automobilindustrie ist, sondern weil genau diese Hunderttausenden an Diesel-Fahrzeugen mehr Feinstaub in die Luft blasen als ursprünglich von der Automobilindustrie vorberechnet. Klasse.

Und so kommt es in den Monaten Oktober bis April regelmässig bei einer Inversionswetterlage immer zum Feinstaubalarm. Alle Fahrzeuge sollten daheim stehen gelassen werden, ÖPNV-Tickets werden um 50% reduziert, und alle Komfort-Heizungen sollen ausgelassen werden. Bemerkbar macht sich das aber nicht, die Stuttgarter Straßen bleiben überfüllt wie eh und je. Wenn es nach mir gehen würde… ich würde alle SUVs bzw. Autos mit mehr als 150PS verbieten in der Innenstadt. Braucht man nicht. An den Stadträndern würde ich überall Parkplätze hinpflastern, in die Innenstadt selbst darf man nur mit Elektroautos, kleinen Smarts oder via Stadtbahn. Oder am besten die Stadt komplett untergraben via Stuttgart 21 und in einem riesigen Loch versinken lassen. Aber sonst find ich die Stadt schon cool. Also manchmal vielleicht…

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