Die Welt ist verrückt…

Was bedeutet „Verrückt“?

Der Duden beschreibt das Wort „Verrückt“ auf verschiedene Art und Weise. (LINK)

1.) krankhaft wirr im Denken und Handeln

2.) auf absonderliche, auffällige Weise ungewöhnlich, ausgefallen, überspannt, närrisch

3.) über die Maßen, außerordentlich, sehr

Die erste Bedeutung wird oftmals verwendet, wenn man eine (vermutlich) geistig oder psychisch gestörte Person beschreibt, oder eine Person in deren Gedankengänge man sich nicht hineinversetzen kann. Manchmal wird es, wie bei der zweiten Erklärung häufig dafür verwendet, um eine Handlung einer Person zu beschreiben, die man sich nicht erklären kann und die ganz und gar ungewöhnlich ist, oder wenn diese Handlung vollkommen überdreht und abgefahren ist.

Sind wir denn alle verrückt geworden?

Wenn ich zum Beispiel behaupten würde, ich habe mir ein Auto gekauft, nur damit ich ein Paket aus einer Packstation abholen konnte, würde mich wahrscheinlich auch jeder für verrückt erklären. Ich hab das aber auch wirklich so durchgezogen. Das Problem ist aber nur, dass dieser kurze Satz die Geschichte nur auf den Start- und den Endpunkt reduziert: Ich hatte ein Postpaket, das in der Nähe von Stuttgart auf mich wartete, während ich mich in meiner saarländischen Heimat befand. Es war Anfang Herbst, als ich mich nach einem langen Arbeitsjahr endlich meinen zweiwöchigen Jahresurlaub begann. Mein Auto war zu dem Zeitpunkt kurz vor dem Zerfall, der TÜV war kurz vor dem Ende und der Motor war viel zu laut. Also beschloss ich mich dazu, diese zwei Wochen dazu zu nutzen mir ein neues Auto zu kaufen.

RIP alter Freund

Kurz davor hatte ich mir auch ein neues Spiel für die Playstation bestellt, die limitierte Sonderedition von Rise of the Tomb Raider, mit einer riesigen Lara Croft Figur. Verschickt hätte sie eigentlich schon seit Tage vorher gewesen sein sollen, aber die Bestätigung hatte bislang gefehlt. Also wartete ich am Montag nachmittag bis zum letztmöglichen Zeitpunkt, ob sie jetzt doch schon verschickt werden sollte, oder ob es schon vom Postboten zugestellt werden sollte. Abends wurde ich schon von meinen Freunden im Saarland erwartet, wo wir montags abends immer ein regelmässiges Quiz-Treffen haben. Um 16 Uhr hab ich dann die Amazon-Seite aufgemacht und  hab mir dann gedacht, dass ich doch eigentlich den Zustellort ändern könnte zu einer anderen Packstation im Saarland. Also öffnete ich die Bestellseite… und konnte nichts mehr ändern… Irgendwas passierte gerade mit meiner Bestellung. 2 Minuten später kam dann auch schon die Bestätigung per Mail. Das Paket wurde soeben verschickt, Zustelltermin ein Tag später. Toll. Klasse. Ich konnte nun nichts mehr machen, also bin ich ins Saarland gefahren. Tags drauf wurde das Paket dann tatsächlich in eine Packstation im schönen Esslingen am Neckar zugestellt. Allerdings sollte dieses Paket nur innerhalb der folgenden 9 Kalendertage in dieser Packstation verbleiben. Und dann würde es wieder zurückgeschickt werden. Da die limitierten Kapazitäten dieser Bestellung schon ausverkauft waren, musste ich es also selbst abholen, bevor es wieder zu amazon zurückgeschickt werden würde.

Die Lara des Anstosses

Als erstes würde einem sofort die Idee kommen und zu sagen, man könnte doch das Paket von einer Packstation zu einer anderen schicken. Geht aber nicht, erst recht nicht, wenn sie schon zugestellt wurde. Wurde mir dann auch per Korrespondenz mit dem DHL-Kundenservice so mitgeteilt. Der andere schlaue Vorschlag von Freunden war, dass ich doch jemand fragen könnte, der das Paket für mich aus der Packstation entnehmen könnte. Geht aber auch nicht, da man dazu eine bestimmte Karte benötigt, um sich als Postkunde auszuweisen… und die hatte ich mit mir ins Saarland genommen. Also blieb nur eine Möglichkeit: In der Mitte des Urlaubs kurz nach Esslingen zu fahren um das Paket aus der Packstation zu entnehmen und dann wieder zurückzufahren.

Es lebe die Packstation!

 Gut, am selben Tag machte ich mich dann aber mit meinem Vater und einem meiner besten Freunde auf die Suche nach einem neuen Gefährt. Bei der ersten Station waren wir noch nicht allzu fündig geworden, allerdings gab es bei der zweiten Station einen Jahreswagen, der mir sehr gut gefallen hatte. Eine Probefahrt wurde für den folgenden Tag organisiert und am nächsten Tag hab ich mich dann dazu entschlossen, dieses Auto dann auch zu bestellen.

Hallo neuer Freund

Die Frage, die dann allerdings aufkam, war eine sehr interessante: An welchem Ort möchte ich denn das Auto anmelden. Ich hätte das Auto durchaus in meiner Heimat anmelden können, aber ich wollte eigentlich das Auto am aktuellen Wohnort anmelden. Der Autohändler sagte mir dann, dass das Autohaus im Saarland die Anmeldung des Autos selbst machen könnte, aber nicht ausserhalb des Saarlandes. Das heißt, ich musste es selbst in Esslingen anmelden innerhalb der nächsten Tage. Und genau das war der Anlass, den ich gebraucht habe, um das Paket aus der vertrackten Lage in der Packstation zu befreien. Ich erhielt mehrere Erinnerungsnachrichten, dass sich da ein Paket von mir noch irgendwo befand, die mich immer nervöser machten. Am folgenden Wochenende war es dann soweit. Mit dem Zug ging es zurück nach Esslingen und nach einem kleinen Trip mit der S-Bahn konnte ich dann das Paket nach knapp 6 von 9 Tagen aus der Packstation befreien. Die Anmeldung des Autos erledigte ich dann am nächsten Morgen und ich war passend zum Mittagessen wieder in der Heimat. Zwei Tage später habe ich dann mein neues Auto erhalten. Ein tolles Auto. Aber, wenn mich einer fragen sollte, sage ich immer, dass ich das Auto nur gekauft habe, um das Paket aus der Paketstation in Esslingen zu fischen.

Esslingen am Neckar

Klar, es klingt verrückt. Aber nach der Erklärung dieses ellenlangen Kontextes macht diese Verkürzung auch wieder Sinn. Aber niemand hört oder liest gerne heutzutage eine 5 Minuten lange, langweilige Geschichte über Sinn und Unsinn eines Pakettransports innerhalb des deutschen Postsystems. Niemand nimmt sich die Zeit, um anderen zuzuhören, was man sich gegenseitig erzählt. Alles muss auf kurze Stichpunkte zusammengekürzt werden oder auf schlagkräftige Headlines reduziert werden. Bei einem Vorstellungsgespräch bei einer Firma vor ein paar Jahren sollte ich meine Aussagen auf wenige, kurze, prägnante Sätze reduzieren. Gut. Sagen wir mal so. Das ist bei mir schwierig. Ich mag es halt, komplexe Dinge in epischer Breite zu erzählen. Wie eben schon bei der Paket-Geschichte gesehen. Dementsprechend war das Vorstellungsgespräch auch nicht sehr erfolgreich gewesen. Aber, man sieht auch, dass eine Verkürzung auf kurze Sätze stellenweise kaum möglich ist, bzw. schwierig ist, und besonders bei Dingen, die sehr viel Fachwissen benötigen und entsprechenden Kontext kann eine Verkürzung auf Bullet Points geradezu fast schon tödlich sein.

Und dies ist eines der Kernprobleme der heutigen Zeit. Wir hören anderen Menschen nicht mehr zu. Wir wollen nur noch die kurze 5-Minuten-Zusammenfassung der Nachrichten sehen, anstatt die Tagesthemen am Abend. Die Mitarbeiter des CIA, die das tägliche Briefing für Donald Trump vorbereiten wissen mittlerweile genau, wie sie ihre Reports zusammenschreiben müssen, damit der Commander in Chief nicht nach 2 Sätzen das Interesse am Thema verliert. Wir sehen nur noch die Breaking News Headlines bei aktuellen Ereignissen im Vorbeigehen als Kurznachricht der Nachrichten-App oder als 140-Zeichen-Botschaft (bzw. mittlerweile 280) auf Twitter. Das Wieso-Weshalb-Warum einer Nachricht bleibt aber im Verborgenen. Wenn wir zum Beispiel Nachrichten über den Syrienkrieg sehen, erinnert sich kaum einer mehr dran, wieso dieser Krieg überhaupt ausgebrochen ist und wer die ganzen Mitspieler sind und was diese damals motiviert hat, bzw. heute. Viele Leute beschweren sich über den schwammigen Begriff, der heute als Schreckgespenst in der Gesellschaft herumkursiert: „Die Flüchtlinge“. Gestiegene Verbrechenszahlen? Es waren die Flüchtlinge. Mehr Vergewaltigungen? Die Flüchtlinge. Sexuelle Belästigungen im Schwimmbad? Die Flüchtlinge. Viele dieser Nachrichten sind aus dem Bereich der Fake News, auch wenn vereinzelt durchaus die eine oder andere wahre Nachricht sich darunter befindet. Aber wenn man eine stereotype Nachricht mit Sex und Crime in der Zeitung liest, ist die finale Punchline: Ein Flüchtling wars. In der Masse zusammengezählt, muss man dann ein schreckliches Bild von Flüchtlingen bekommen. Allerdings gibt es zahlreiche ähnliche Dramen, die sich in Deutschland abspielen, wo dann allerdings zum Schluss nicht darauf hingewiesen wird, dass der Tatverdächtige ausdrücklich ein deutscher Staatsangehöriger war. Und wenn wir auf die Fake News zurückkommen, die sich zum Teil in sozialen Netzwerken verbreiten, dann sehen wir zumeist nur die stark verkürzte Headline, die dann das eine oder andere bereits vorhandene Vorurteil nur noch verstärken. Und wenn dann die beste Freundin das auch noch postet, dann muss das ja auch stimmen…

Wir hinterfragen heutzutage zu wenig, was in den Nachrichten steht oder was wir in sozialen Netzwerken lesen. Wenn ich zum Beispiel jemanden sehe, der ernsthaft im Internet argumentiert, dass die Erde flach ist, was eine vollkommen verrückte Aussage ist, angesichts der erschlagenden Argumente und Beweise, bekomme ich dann im Gegenzug eine beleidigende Aussage zurück, dass ich doch selbst verrückt sei, weil ich Teil eines verschwörerischen Systems der Wissenschaften und der Eliten sei, die Gehirnwäsche mit der Bevölkerung betreiben würden. Ich soll doch meine Augen aufmachen. Diese Augen habe ich jetzt aufgemacht. Wir alle sind verrückt.

Interessanterweise ist der Begriff „Verrückt“ auch aus einem anderen Kontext interessant. Und zwar vom Verb „verrücken“. Ich stell mir zum Beispiel vor, dass die gesamte Menschheit versucht hat, das komplette Mobilar im Zuhause zu verstellen. Und dann rückt man den einen Schrank etwas mehr nach links und das Side-Board etwas nach rechts, um dann zu merken, dass man eine Steckdose zugestellt hat oder es nicht mehr symmetrisch aussieht. Und im Moment fühlt es sich so an, dass man versucht die Möbel so nah wie nur möglich an die Treppe ins Untergeschoss rücken möchte. Und wir wissen alle, was passiert, wenn man in dieser Situation die Möbel falsch verrückt…

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