Zurück aus der Zukunft

Es war ein kalter Silvesterabend, als die Uhr vom 31.12.1999 zum 01.01.2000 umsprang. Das neue Jahrtausend hat begonnen (oder für die Spezialisten, ein Jahr vor dem numerischen Jahrtausendwechsel). Eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Eigentlich war man froh, dass weder die Welt bei der Sonnenfinsternis untergegangen ist, noch dass der Y2K Bug die Welt ins Chaos gestürzt hätte. Während der Kai des Jahres 2000 noch eifrig am Silvesterböller verfeuern war, öffnet sich plötzlich ein Portal aus der Zukunft und daraus kommt der Kai des Jahres 2015…

„Kai, ich komme aus der Zukunft des Jahres 2015 und will dich vor der Zukunft warnen.“ Der Zukunfts-Kai stürzte sich auf 2000-Kai und legt beide Hände auf seine Schulter. 

2000-Kai zog sich erschrocken zurück und erwiderte „Moment mal, ist das so eine Emmett Brown-„Deine Kinder in der Zukunft sind in Gefahr“-Geschichte?“

„Nein, du bist immer noch Single und ohne Kinder.“

„Ach verdammt. Die Zukunft ist jetzt schon blöd. Aber ist in der Zukunft alles verstrahlt oder was?“

„Nein, nur Teile Japans.“ 2000-Kai verzog sein Gesicht, um eine Frage zu stellen, aber 2015-Kai unterbrach ihn vorher. „Ja, da gabs ein Erdbeben der Stärke 9,0 und danach spülte ein Tsunami die halbe Küste weg, inklusive ein Atomkraftwerk. Also mehr oder weniger.“

„Holy Shit. Was ist ein Tsunami?,“ erwiderte 2000-Kai erschrocken.

„Ja, das sind im Prinzip meterhohe Wellen, die meist nach sehr schweren Erdbeben erzeugt werden. Erinnerst du dich noch an Deep Impact, wo eine riesige Wasserwelle New York wegschwemmt? In etwa so, nur sind die Wellen keine hunderte Meter hoch.“

„Aber New York steht noch oder?“

„Mehr oder weniger.“

Das Gesicht von 2000-Kai verzieht sich immer mehr zu einer erschrockenen Fratze. „Was heißt hier mehr oder weniger, ich wollte doch noch irgendwann einmal nach New York fliegen.“

„Keine Sorge, Kai, du wirst 2011 nach New York fliegen für eine Woche.“

Endlich beruhigt sich der junge Kai wieder. „Allerdings kommst du mitten in einen Hurricane.“

„Du verarschst mich jetzt, oder?“

„Nein. Du musst sogar 2 Tage lang im Hotelzimmer verbringen und abwarten bis der Sturm verzogen ist.“

„Soll das etwa heißen, ich warte Jahre lang darauf, einmal nach NYC zu fliegen, nur um dann die ganze Zeit im Hotelzimmer zu sitzen, während es draussen wild regnet und stürmt?“

„Jipp.“
„So ein Scheiß. Seh ich wenigstens das World Trade Center.“

Die Augen von 2015-Kai weiteten sich und schauten zur Seite. „Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll. Aber du siehst zumindest, wie das One World Trade Center gebaut wird.“

„Aber das sind doch zwei…“

„Es waren zwei. Bis da zwei Passagierflugzeuge, geflogen von islamistischen Terroristen, in die Türme gekracht sind und zum Einsturz gebracht haben.“

„WAS? Wow. Jetzt bin ich geschockt.“

„Ja, das war die Welt damals auch. Und das Pentagon wurde damals auch noch getroffen.“

„Wann zur Hölle passiert diese Scheiße? 2007? 2008?“

„Nö. Nächstes Jahr.“

„Ach du scheiße. Kriegen die wenigstens die Hintermänner? So eine Aktion muss doch bestimmt geplant gewesen sein.“

„Jipp, den Hauptfinanzier kriegen sie. Osama Bin Laden. Aber erst 2009 in Pakistan. “

„Die brauchen 8 Jahre, bis sie den kriegen?“
„Ja, vorher musste George Bush einen Krieg im Irak anzetteln.“

„Moment, das war doch schon…“ 2000-Kai wollte schon ansetzen, wurde aber sofort von 2015-Kai unterbrochen.

„Du meinst George Bush, Sr. im Jahre 1991. Damals den Golfkrieg. 2003 führte sein Sohn George Bush, Jr. als Präsident Krieg im Irak. Um Saddam Hussein zu entmachten.“

„Ja, aber du hast doch gesagt, dass dieser Anschlag von diesem Osama kam.“

„Das hatten wir damals auch gesagt. Aber dann kam trotzdem ein Krieg.“

„Hä. Das versteh nicht.“

„Naja, die Amerikaner hatten versucht der Welt Angst vor Saddams Massenvernichtungswaffen zu machen.“

„Hatte der ABC-Waffen oder was? Killer-Viren?“

„Eigentlich hatte er überhaupt keine Waffen gehabt.“

„Nich dein Ernst oder?“

„Leider doch. Im Prinzip wollten die eigentlich nur Saddam weghaben und an das Öl ran.“

„Moment. Heißt das, die haben die Welt angelogen? Sind die dann nicht impeacht worden?“

„Nö.“

„Du willst mir im Ernst sagen, dass wenn ein US-Präsident einen geblasen bekommt und lügt, impeacht werden soll, aber wenn ein anderer US-Präsident einen Krieg anzettelt und lügt, nix passiert?“

„Genau.“

„Was zur Hölle … “

„Ich hab dir doch gesagt, dass die Zukunft nicht besonders toll ist…“

„Ja, hast du.“

„Es wird noch schlimmer. Im Irak bildet sich so eine radikale Gruppe namens ISIS, die anfängt, Ungläubigen die Köpfe abzuschlagen.“

„Ach du Scheiße.“

„Ja, und in Europa gibt es immer öfter Anschläge auf Satiriker, Zeichner, Freidenkern, und so weiter, die zum Beispiel Mohammed Karikaturen zeichnen.“

„Was zur Hölle ist da nur los?“

„Ja, die Welt ist schlimm geworden… Selbst die neue Stasi von heute kann da nicht mehr viel ausrichten. Erinnerst du dich noch an die Stasi?“
„Ja. Du willst mir doch nicht sagen, dass die DDR nochmal kommt.“

„Ne, keine Sorge.“

„Puh. Ich dachte schon, es gäb einen neuen kalten Krieg.“

„Öhm. Neuerdings vielleicht…“
„Ach du kacke.“

„Ja, da gabs ein paar Probleme. Putin hat da ein paar Probleme mit der Ukraine gehabt…“

„Ist das der gleiche Putin, der da seit ein paar Stunden heute Interimspräsident geworden ist?“

„Genau der.“

„Wow, der hat sich lang gehalten.“

„Ja, das sind die vielen Bärenkämpfe, die er gemacht hat. Das härtet ab.“

„Äh was?“

„Jedenfalls sind die westlichen Länder seit kurzem nicht mehr so gut auf ihn zu sprechen.“

„Und was hat das jetzt mit der Stasi zu tun.“

„Du erinnerst dich an diesen Anschlag da eben? Seitdem dreht die NSA ab und horcht eigentlich fast jeden auf der Welt ab.“

„Bitte was?“

„Naja, dieses Internet wächst in den nächsten Jahren immer weiter und weiter. Es gibt Videoseiten wie Youtube, riesige Suchmaschinen wie Google, soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter…“
„Was sind denn soziale Netzwerke?“

„Naja, das sind riesige Webseiten, wo man persönliche Profile anlegen, tägliche Nachrichten posten kannst, dich mit Freunden verbinden kannst, und so weiter. Oder Katzenvideos postest. Was auch immer. Der Zuckerberg da ist Multimilliardär geworden damit. Jedenfalls spielt sich das heutige Leben zu einem großen Teil im Internet ab. Und seit dem elften September speichert die NSA mehr oder weniger den ganzen Internetverkehr ab.“

„Den ganzen? Alles? Egal wohin ich surfe und welche MP3s ich herunterlade?“

„Hach ja… MP3s. Sagen wir mal so, so wie du damals MP3s heruntergeladen hast, kannst du heute Gigabyte-große Filme runterladen.“

„Scheiße wie geil. Und… verdammt, da kriegt man ja Angst…“

„Ja, aber wie gesagt, du wirst bei allem was du machst, mit wem du alles redest, überwacht und kontrolliert.“

„Wie bei der Stasi.“
„Genau. Es ist eine schlimme Situation. Wie bei Minority Report…“

„Bitte was?“

„Oh stimmt, der Film kommt ja erst 2002 heraus.“

„Und was für Filme gibts im Jahr 2015?“

„Du wirst dich tierisch auf Avengers 2 freuen. Und Jurassic World…“

„Geil, ein neuer Jurassic Park Film“

„Ja, genau. Nun, dann kommt noch ein neuer Terminator“

„Moment mal. Jurassic Park und Terminator gibts immer noch?“

„Ja, das ist ja noch nicht alles. Da kommt noch Star Wars Episode 7.“

„SIEBEN? Es war doch erst Episode Eins im Kino…“
„Ja, und leider kommen noch Episode 2 und 3…“

„Leider?“
„Ja, äh, sagen wir mal so, die alten Filme waren besser. Aber Harrison Ford, Mark Hamill und Carrie Fisher sind wieder dabei.“

„Geil! Endlich mal gute Nachrichten. Dass die noch da mitspielen.“

„Ja und der Governator ist auch wieder dabei beim Terminator.“

„Governator? Was?“
„Ja, Arnold Schwarzenegger war eine Zeit lang mal Gouverneur von Kalifornien.“

„Du verarschst mich. So wie in Demolition Man?“
„So ähnlich.“

„Lass mich raten, Michael Jackson ist sein Vize-Gouverneur.“

„Nein, der ist leider tot.“

„Ach du scheiße. Fuck. Ich muss schon sagen, die Zukunft ist schon seltsam.“

„Ja, ist sie.“

„Aber eine Frage musst du mir beantworten. Gibt es fliegende Autos in 2015, wie bei Zurück in die Zukunft 2?“

„Nein.“

„Hover-Boards ?“

„Auch nicht. Naja, mit superstarken Elektromagneten vielleicht. Aber praktisch nicht.“

„Selbst-bindende Schuhe?“

„Nö.“

„Hatten die überhaupt was richtig getippt?“

„Einiges. Es gibt zum Beispiel Wand-große Flachbildschirme, mit denen man zum Beispiel via Webcam und Skype kommunizieren kann.“

„Cool.“

„Und generell, ist das Thema Smart-Home, also intelligente Systeme im Haushalt ein immer größer werdendes Thema. Nun ja, es gibt eine Stelle, wo Marty mit ner Datenbrille rumspielt. Das wird’s in Zukunft bald wohl auch geben. 3D-Filme sind heute fast schon Standard im Kino… und du wirst da auch irgendwann eine persönliche Verbindung dazu haben.“

„Cool.“

„Wenn auch nur kurz. Und es gibt stellenweise eine Glorifizierung der 80er Jahre.“
„Ja, das waren schöne Zeiten.“

„Es waren bessere Zeiten.“

Der 2015-Kai fing langsam an zu flackern.

„Oh, mein Zeitfenster schließt sich so langsam. Denk daran. Die Zukunft ist schlimm. Aber halt den Kopf hoch und es wird dir gut gehen. Das Leben ist sch…“

Und bevor er den Satz vollenden konnte, verschwand er auch wieder. 2000-Kai fragte sich allerdings: „Meinte er jetzt schön oder scheiße…“

Der Kai aus dem Jahr 2000 dachte über das nach, was er da alles bruchstückhaft erzählt bekommen hat. Es klang alles nach schlechter Science-Fiction, was die Zukunft alles bringen soll. Er wunderte sich, wieso der Zukunfts-Kai so wenig über sein eigenes Leben gesagt hatte. Vielleicht wollte er nicht zu viel verraten. Er dachte nicht mehr viel darüber nach, sondern eher darüber, was er alles machen konnte.

In den kommenden Tagen hatte er sich überlegt, ob er nicht irgendwie den amerikanischen Präsidenten informieren könnte. Aber dann fiel ihm auf, dass er keine Beweise hatte, keine Details, was da genau in New York passiert ist. Würde er sich nun an die amerikanische Regierung wenden, würde er vermutlich als Spinner dargestellt werden. Oder in die nächste Klappsmühle gesteckt werden. Langsam dämmerte es ihm immer mehr, dass er mehr Fragen hätte stellen sollen. Ohnmächtig über seine Machtlosigkeit fiel er immer weiter in ein seelisches Loch, wegen den vielen schlimmen Nachrichten, die da in der Zukunft passieren sollen. Einstürzende Hochhäuser, Terroristen, Kriege, Tsunamis. Es hätte alles so schön sein können.

Ein paar Tage später arbeitete er wieder an der Homepage seiner Schule und bearbeitete das Layout erneut, nachdem er unzufrieden war mit dem alten Design. Er dachte wieder und wieder an das, was sein 2015er-Pendant gesagt hatte. Dann wusste, was er tun soll. Er ließ sich die Domain „www.facebook.com“ registrieren.

„Jetzt muss ich mir nur überlegen, was ein soziales Netzwerk so alles kann.“

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